Ueckers Kaktus
Wenn Opa darüber philosophiert, erstens dass und zweitens was früher alles besser war, dann kommt die Rede schnell auch auf die Post und die Bahn. Beide Unternehmen waren einstmals Behörden, es gab einen Postminister und angeblich waren Bundespost und Bundesbahn Errungenschaften reinster deutscher Tugend, absolute Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit im Preis enthalten. In diesen Zeiten gab es auch noch ein Fernmeldeamt, eine Einrichtung, die seinerzeit eine Aura der faszinierenden modernen Telekommunikation umwehte. In Düsseldorf hatten wir auch eines dieser bundesweit insgesamt 108 Fernmeldeämter, es befand sich in der Carl-Theodor-Straße in 4000 Düsseldorf 1. Und vor diesem Gebäude wurde am 9. April 1981 ein Kunstobjekt aufgestellt, das viele Jahre als „Fernmeldekaktus“ firmieren sollte und noch heute dort zu finden ist.
In der Bezeichnung schwingt schon ein wenig mit, was offensichtlich einige dachten: Wirklich ernstzunehmende Kunst ist das nicht. Aber die Lichtsäule des als „Nagelkünstler“ bekannt gewordenen Düsseldorfers Günther Uecker ist durchaus ernst zu nehmen, wenn schon nicht als unsterbliche Kunst, so zumindest als Zeitdokument.
Die geistigen Wurzeln der Uecker-Säule liegen in den beginnenden 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts, als Uecker sich 1961, nach seinem Beitritt der Künstlergruppe ZERO um Heinz Mack und Otto Piene, der Lichtkunst zuwandte, welche von einem heute nicht mehr ganz nachvollziehbaren, ungebrochen fortschrittsbegeisterten, technikeuphorischen Geist getragen war, der auch in den Arbeiten der Gruppe ZERO seinen Ausdruck fand. Man vermag sich das vielleicht nicht mehr wirklich vorzustellen, aber moderne Technik und Telekommunikation waren etwas wirklich Besonderes, die Entwicklung von analog zu digital befand sich noch in ihren Kinderschuhen. Heute quittieren wir die rasanten Fortschritte der Technik häufig nur noch mit dem Achselzucken eines ermüdeten Geistes. Eines Geistes, der sich an eine Welt gewöhnt hat, in der alle vernetzt sind, jeder mobil erreichbar ist und jedes halbe Jahr die nächste Generation des iPhones, des Computers, des Fernsehers, der Digitalkameras, der Chips, der Prozessoren und der Betriebsprogramme auf den Markt kommt. Damals, auch zu Beginn der 1980er Jahre, vollzog sich der technische Fortschritt im Alltag noch in einer Geschwindigkeit, die es einem ermöglichte, ihr relativ problemlos zu folgen. Kaum zu glauben: Der 20millionste Telefonteilnehmer war der Bundespost am 13. Juni 1980 noch ein „Telefonfest“ in der Altstadt wert. Zu dieser Zeit hatten viele Haushalte noch Telefone mit Wählscheibe.
To cut a long story short: Zu Beginn der 1980er Jahre waren die Grundgedanken, die ZERO in zukunftsorientierter Perspektive hegte, noch relativ zeitgemäß und das Streben nach urbaner Ästhetisierung und raum-dynamischer Lichtarchitektur auch für Uecker noch immer relevant. Seine Lichtsäule wurde so geschaltet, dass bestimmte dynamisch ablaufende Muster, Bilder und Rhythmen entstanden. Hierfür konnte die einzelne Lampe auch auf verschiedene Lichtstärken hin eingestellt werden. Aber nicht nur Muster wurden mit Hilfe der 294 Einzellampen realisiert, manchmal waren auf der 26 Meter hohen Lichtsäule auch Worte zu lesen, etwa „Telefon“, oder „Television“.
Die Lichtsäule von Uecker sollte angeblich das Licht als Mittel einer modernen Kommunikation thematisieren. Dabei liegt heute auch eine andere Interpretation nahe, nämlich, dass sie mit all ihren programmierbaren 100-Watt-Birnen eine Versinnbildlichung der aufkommenden digitalen Technik darstellte, in der Informationen in wahnwitzig langen Ketten aus Nullen und Einsen übermittelt werden, sodass am Ende aus den einzelnen Elementen eine sinnlich wahrnehmbare Information entsteht. Alles Spekulation.
Heute sitzt die Telekom im vormaligen Fernmeldeamt und Ueckers Lichtsäule steht noch immer, aber sie ist ein wenig in Vergessenheit geraten. Vielleicht ist das GAP-Hochhaus einfach ein Aufmerksamkeitsdistraktor. So erfährt man auf Wikipedia unter dem Stichwort „Lichtkunst“, dass „die meisten Werke der Lichtkunst zur Entfaltung ihrer vollen Wirksamkeit die weitgehende Abwesenheit von natürlichem (Tages-)Licht und von konkurrierenden künstlichen Lichtquellen benötigen.“ Das ist am Graf-Adolf-Platz heute leider nicht mehr gewährleistet.
Überhaupt blinkt und leuchtet heute so viel in unserem durchschnittlichen Großstadtleben, dass eine Uecker-Säule, die mit ihren 294 Leuchten ähnlich grob gerastert ist wie die ersten Spiele für den C64, heute einfach nicht mehr so recht wirken kann. Folgerichtigerweise ist sie heute auch nicht mehr jede Nacht an. Und wenn, produziert sie meist nicht mehr die schönen Muster von früher oder schreibt klangvolle technische Begriffe in die Abenddunkelheit: Sie ist meist schlichtweg vollständig erleuchtet. Das ist schade, denn gerade solche Worte wie „Television“, in grober Punkterasterung in den Abend geschrieben, erinnern an eine längst vergangene Ära, in der beispielsweise eine Düsseldorfer Band namens Kraftwerk Refrains wie „wir sind die Roboter“ verwendete und Platten wie Die Mensch-Maschine oder Computerwelt veröffentlichte und dabei ihrer Zeit weit voraus zu sein schien.
Allein, mitunter wirkt wenig so irritierend wie die Science-Fiction von gestern. Sie beschreibt eine Zukunft und wirkt in der einen oder anderen Weise doch immer hoffnungslos altbacken. Wie Menschen die Zukunft sehen, sagt weniger über ihre Zukunft aus als über ihre Gegenwart.
Linus Wörffel







