Stühle?
(Pressetext von Vanessa Joan Müller)
VAN HORN freut sich auf die erste Einzelausstellung von Jochen Weber mit dem Titel Alibi der Form.
“Wenn es im Folgenden um die Objekte – um einen möglichst neutralen Begriff zu verwenden – von Jochen Weber geht, taucht neben dem Bezug auf eine prozesshafte, von individuellen Entscheidungen geprägte Herstellung noch ein weiterer für die Gegenwartskunst wichtiger Aspekt auf, und zwar jener der Ökonomie – als Ökonomie der Zeit im Wechselverhältnis von Zeitbewusstsein und ökonomischem Handeln, als Ökonomie der Mittel und Ökonomisierung der Kunst als Ware. Gerade weil es sich in ihrem Gebrauchswertversprechen um vertraute Dinge, nämlich Stühle, handelt, bleiben diese dem Betrachter fremd, stehen sie doch in einem künstlerischen Kontext, der Benutzbarkeit nicht zwingend impliziert. Manchmal fehlt diesen Stühlen, die sich zwischen Skulptur und angewandter Kunst verorten, die Sitzfläche, sodass sich die Frage pragmatischer Funktionalität erst gar nicht stellt.
Dennoch sind auf den ersten Blick die entscheidenden Differenzen zu einer vom Design geprägten Kunst kaum zu erkennen, denn die Stühle von Jochen Weber orientieren sich an klassischen Formen, deren Grundparameter: vier Beine, eine Rückenlehne, eine gerade Sitzfläche, sie übernehmen. Bei näherer Betrachtung tragen sie jedoch sichtbare Spuren eines Fertigungsprozesses in sich, der auf einen genuin künstlerischen Formfindungsprozess setzt, welcher der auf serielle Fertigung abzielenden Ökonomie des Designs diametral entgegengesetzt ist. Zwar begreift auch der Entwurfsprozess des Möbels dieses als abstrakt skulpturales Gebilde, bevor die finale, auch funktionalen Anforderungen gerechte und in industrielle Fertigung übersetzbare Form gefunden ist. Bei Jochen Weber führt die Struktur der Linien jedoch zum Objekt, das erst dann ein einmaliges Ding wird. Jeder Stuhl ist erneut Resultat gestalterischer Überlegungen, die sich mit Volumen und Raum, Struktur und Gestalt auseinandersetzen. Positiv- und Negativform sind dabei gleichermaßen Gestaltungsmodelle. Die Arbeit beginnt direkt mit dem Holz, ohne Vorzeichnungen oder Skizzen. Lediglich die Technik sowie die Entscheidung, einen Stuhl zu fertigen, stehen vorher fest. Alles andere bleibt bis zum Schluss offen: ob das Objekt funktionstüchtig sein wird oder nicht, eine Sitzfläche haben wird, Armlehnen und so weiter.”
Parallel zeigt VAN HORN Fotos von Leroy Grannis.
VAN HORN, 09.09.11 bis 22.10.11
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