THOMAS STRUTH: Ganz große Fotografie!
Lange haben wir überlegt, ob wir THOMAS STRUTHs Fotos überhaupt im Magazin abbilden sollen. Denn ihre Wirkung entfalten die übergroßen Bilder doch erst, wenn man wie erschlagen vor ihnen steht. Davor haben wir zudem überlegt, ob es überhaupt Sinn macht, den dreihundertneunundachzigsten journalistischen Beitrag über THOMAS STRUTH zu veröffentlichen. Und wenn, wie sollte dieser Beitrag dann aussehen? Noch eine kuratorisch wertvolle Abhandlung? Oder nochmal ein verbaler Galopp durch sein Werk?
Mein erster Gedanke war: eine weiße Doppelseite und darauf fett zwei Sätze: „Die vielleicht beeindruckendste Fotoausstellung aller Zeiten: THOMAS STRUTH in K20. Unbedingt ansehen!“ Und während ich diesen Text schreibe, denke ich immer noch, dass das vielleicht völlig ausreichend und angemessen innovativ wäre, um THOMAS STRUTH in der Weise zu würdigen, die er mit seinem Werk vorgibt und verdient. Also ist schon einmal die Entscheidungsrichtung definiert: Kein kuratorisch wertvoller Beitrag, sondern einfach die Beschreibung und Faszination, die von STRUTHs Fotografien ausgehen und die ihn in meinen Augen zu einem der größten Fotokünstler macht, die es gibt und gegeben hat. Also werde ich, der ich auch schon seit 30 Jahren mit der Kamera in der Hand das Licht einfange, einfach nur meine Hochachtung vor dem Werk und der Leistung THOMAS STRUTHs zu Papier bringen. In einfachen, verständlichen und durchaus auch ehrfürchtigen Worten, wie Sie jetzt lesen werden. Also eine simple, schlichte, verehrende Hommage an einen der wenigen Fotografen, zu denen man aufschauen MUSS!

Struths Museumsbilder sind Museumsbilder sind Museumsbilder ... Collage von Miguel Guillermo nach "Art Institute of Chicago 2"
Wer die von Dr. ANETTE KRUSZINSKY zusammengestellte Bildershow in K20 betritt, wird aus dem Staunen nicht herauskommen. Nicht die üblichen Formate an der Wand, zu dutzenden aneinander gereiht, wie man es aus Fotoausstellungen kennt, einzig das Werk ihres Machers dokumentierend, sondern eine museale Show, die ihresgleichen sucht. Wo bin ich eigentlich? Habe ich mich zu den Klassikern verirrt? Die gigantischen Abzüge der Aufnahmen STRUTHs sind eine Dimension für sich. Ungläubig steht man vor den riesigen Bildern, klebt mit der Nase daran und fragt sich, wieso das alles auch noch so unglaublich scharf und detailliert ist. Hier beginnt die Reise in den STRUTHschen Kosmos, denn er fotografiert mit einer für viele heute anachronistischen Technik: im Großformat. Und gleichzeitig nimmt er sich so auch die Zeit, die man für die richtige, die gute, die perfekte Komposition braucht. Handwerkliche Perfektion, das zeigen die meisten seiner Fotos. Auf einem entdeckt man dann aber doch eine versteckte stürzende Linie, die ansonsten in STRUTHs Arbeiten undenkbar ist. Auch ignoriert er – vermutlich vor lauter persönlicher Zuneigung – auch schon mal das verwischte Antlitz eines Kindes in einem seiner Familienporträts. Da freut man sich schon fast wie ein kleiner Junge, dass auch STRUTH nur ein Mensch ist. Aber wen jucken schon diese kleinen Anomalitäten? Denn die Reise durch sein Imperium geht weiter, Reise im wahrsten Sinne. Wo in aller Welt war dieser Mensch eigentlich schon?! Man fragt jedoch besser: Wo war er eigentlich noch nicht? Die Antwort lautet vermutlich: nirgendwo. Fotos aus Nordkorea? Das erwartet man ja kaum im Spiegel oder in der Zeit, aber doch schon gar nicht im Œuvre eines Künstlers. Und sind eigentlich seine Bilder aus den Museen inszeniert? Da baut er seine Kamera auf und die Besucher tun so, als wären sie nur mit sich und den Werken alleine?
Schon sich die Geschichten vorzustellen, die bei seinen Reisen rund um die Welt zu den einzelnen Fotos entstanden sein müssen, ist faszinierend. Wann kommt seine Autobiografie? Oder gibt es sie schon? Ich muß direkt mal bei Amazon nachschauen … Nein, scheinbar noch nicht. Schade.
Die handwerkliche Qualität, die physische Größe seiner Werke, die unzähligen Orte, an denen seine Fotografien entstehen, das Auge für die Komposition und vor allem für das Motiv: STRUTH führt alles in einer Weise zusammen, die extrem beeindruckend ist. Seine Fotografien sind in jeder Hinsicht gigantisch. Und damit auch sein Werk. Wer also bis heute noch der Meinung war, dass Fotografie doch nicht wirklich Kunst sein kann, den belehren die Ausstellung in K20 und THOMAS STRUTH endgültig eines Besseren. Ein dickes Lob und in meiner Eigenschaft als Besucher auch ein dickes Dankeschön für eine der spannendsten und aufregendsten Fotoausstellungen, die ich bisher sehen durfte.
So, viel mehr möchte und werde ich nicht schreiben. Jedes zusätzliche Wort ist überflüssig. Wer sich gerade jetzt, da die Menschheit über Milliarden von Digitalkameras verfügt, und man mit Photoshop Dinge tun kann, für die man vor noch nicht allzu langer Zeit in der Dunkelkammer eine gute Fee an seiner Seite gebraucht hätte, der Seele der Fotografie nähern möchte, der zieht sich an, fährt zu K20, kauft sich eine Eintrittskarte und genießt die Ausstellung. Alle anderen bitte auch!
Miguel Guillermo
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