Sebastian Riemer

(Pressetext)

Sebastian Riemer: „Maske“, 2008, C-Print auf Aluminium, 158 x 123 cm, Ed. 6

Die Galerie Clara Maria Sels zeigt in ihrer zweiten Ausstellung mit Sebastian Riemer einen Werkzyklus von Fotografien, der jüngst in Istanbul entstanden ist.

Sebastian Riemer (*1982) hat 2006 bis 2010 bei Thomas Ruff (Meisterschüler) und Christopher Williams an der Düsseldorfer Kunstakademie studiert.

Beim Rundgang 2006 fiel der Student erstmals auf. Er zeigte ein Bild, das er vom Heckfenster eines Autos auf die Frontscheibe des hinter ihm fahrenden Wagens gemacht hatte. Es war sehr malerisch und flüchtig, und es erfüllte nicht eine Wunschvorstellung nach Präzision und Erkennbarkeit. Das Foto bestand aus blaugrünen Wolken, die sich in der Windschutzscheibe des Gegenübers spiegelten. Und es zeigte das leicht verschwommene Gesicht der Frau am Lenkrad – fast schon wie eine abstrakte Komposition. Ein geheimnisvolles Foto, das der Betrachter selbst entschlüsseln musste. Das Gesicht kommt aus den Tiefen des Bildes hervor. Der Künstler umschreibt es so: „Der Kopf ist versunken und die Gesichtszüge müssen geborgen werden. Der Betrachter muss das Bild selbst entdecken. Gelingt ihm das nicht, sieht er nur plane Flächen.“

Seit ihrer Erfindung ist die Fotografie das Medium, dem bis heute unbestechliche Realitätswiedergabe zugesprochen wird. Im Zuge der technischen Entwicklung wird oftmals eine künstliche Realität manifestiert, ermöglicht durch die digitalisierte Fotografie, die jede Art von Manipulation möglich macht. Riemer bedient sich im klassischen Sinne der Realität, doch paradoxerweise erscheinen seine Werke eher wirklichkeitsfern und abstrakt.

Die Wissenschaft befasst sich unter anderem mit der Erforschung und der systematischen Übertragung von Konstruktionsprinzipien und Strukturen aus der Natur, um hier Lösungen für technische oder auch medizinische Anwendungen zu finden. Ähnlich bei Riemer – doch ohne pragmatischen Lösungsansatz: Eher der Wunsch des Erkennens und das Spiel mit Wahrnehmung treiben ihn hinter seiner Kamera an. Riemer fasziniert die Stofflichkeit und Oberfläche seiner fotografierten Objekte und Gegenstände. Die Ästhetik von Strukturen, ihre Schönheit, aber auch die Spuren der Veränderung durch die Zeit sind für Riemer von besonderem Reiz. Aus ihnen formt er ein Bild aus einer vorgefundenen Realität, das die Zeit und den Wunsch, hinter etwas zu schauen, miteinander verbindet. Sebastian Riemer liebt den Balanceakt zwischen dem Gegenstand und seiner bloßen Andeutung und vielleicht auch seiner Bedeutung, mit der er uns in eine neue, seine Bildwelt führt.

 

Galerie Clara Maria Sels, 08.09.12 bis 27.10.12