Künstler unter ihresgleichen

Möchte man sich auf der offiziellen Website der Stadt Düsseldorf informieren, wird man schnell von kulturgeschichtlichen Ereignissen der Kunstmetropole in den Bann gezogen. Kurfürst Jan Wellem von der Pfalz begründete im 17. Jahrhundert den Ruf Düsseldorfs als Kunststadt; unter seinem Nachfolger Carl Theodor, dem Bauherrn des „Gesamtkunstwerks“ Schloss Benrath, öffnete 1773 die Kunstakademie ihre Tore. Heute ist Düsseldorf als Plattform avantgardistischer Kunst in aller Welt bekannt und wie in kaum einer anderen Stadt ist seine Kulturlandschaft in Bewegung. Leider wird der Malkasten in diesen offiziellen Informationen nicht erwähnt. Dabei verdankt Düsseldorf einen großen Teil seiner künstlerischen Tradition dem vor 164 Jahren gegründeten Künstlerverein.

Blick in den Hinterhof des Malkasten, Foto: Frida Lau

Vereine für die Kunst gibt es in und um Düsseldorf viele. Vereine für die Künstler eher wenige. Nach der Gründung des Vereins Düsseldorfer Künstler im Jahr 1844 entstand 1848 während der revolutionären Auseinandersetzungen in Deutschland der Malkasten. 112 Künstler trugen im Sommer dieses Jahres bei einem feierlichen Festumzug durch die Ratinger Straße bis zum Friedrichsplatz (heute Carlsplatz) Fahnen, Fackeln und Bänder. In selbst hergestellten Kostümen, mittelalterlichen Trachten mit goldfarbenen Gewändern, mit Kanonenschüssen und Lichtraketen begingen sie mehrere Festlichkeiten in verschiedenen Lokalitäten der Altstadt und trugen so zur spektakulären Gründung des Künstlervereins bei. Die inszenierte Vereinigung von bildenden Künstlern, Musikern, Dichtern und Schriftstellern war eine symbolische Huldigung an die Künste. Abschluss fand dieser feierliche Akt in einem Feuerwerk und der allgemeinen Illumination der Stadt. Nach Auflösung der abendlichen Versammlung auf dem Friedrichsplatz standen den Festteilnehmern zahlreiche Tanzveranstaltungen in den verschiedenen Düsseldorfer Lokalen zur Auswahl, von denen die Gruppe der Künstler die Bairisch-Bier-Brauerei und die Restauration zur Bockhalle in der Poststraße wählten, so lautete die damalige Titelseite des „Düsseldorfer Journal und Kreisblatt“ vom 11. August 1848. Die damalige Stimmung und Atmosphäre ist heute nur noch vergleichbar mit dem Karnevalsumzug, der einmal im Jahr Höhepunkt des karnevalistischen Treibens ist.

Ähnlich wie auch in anderen traditionsreichen Vereinigungen und Verbänden waren Frauen lange Zeit im Malkasten nicht erwünscht. Darüber wurde jedoch häufig in den monatlichen Versammlungen diskutiert. Ein Großteil der Künstler war der Meinung, man könne mit einer Dame am Tisch nicht wie in einer Männerrunde frei sprechen. Andere wiederum wollten ihre Ehefrauen gerne miteinbeziehen. Ab 1925 wurden zwar an der Akademie Studentinnen zugelassen, aber es gab zu diesem Zeitpunkt in Düsseldorf keine Künstlerin mit Abschluss. Erst 1974, vor 38 Jahren und 126 Jahre nach der Gründung des Vereins, wurde die erste Künstlerin im Malkasten aufgenommen. Heute befinden sich zwei Frauen unter den elf Mitgliedern des Vorstands. Somit ist die Entwicklung des renommierten Künstlervereins auch Spiegel seiner Zeit.

Blick auf den Stammtisch im Malkasten, Foto: Frida Lau

Künstler und Funktionär. Kann denn beides in einer Person existieren? Ein Künstler mit einer organisatorischen Verantwortung, einer politischen Stellung, ob nun als Intendant eines Theaters, als Kurator eines Museums oder als Vorsitzender eines Künstlervereins, ist immer auch ein Menetekel. Joseph Beuys war überzeugt: Auch wenn nicht im Atelier erschaffen wird, entsteht etwas Schöpferisches. Zum Beispiel, könnte man folgern, während man diesen Text liest. Und wenn Beuys es auch nicht bis in den Malkasten geschafft hat, waren es nicht wenige, die gerne als Vorsitzende des Künstlervereins agiert haben und kurze Zeit später wieder abgewählt worden sind. Ihr Hang zur Selbstdarstellung verhinderte häufig, dass sie im Sinne des Grundgedankens der Künstlervereinigung handelten.

Im Jahr 2000, dem Jahr seiner Wahl zum Vorstandsvorsitzenden des Künstlervereins Malkasten, zeichnete Robert Hartmann eine Papierarbeit, auf der eine weiße Gans durch einen schwarzen Reif eine rote Linie tönt. „Damals entstand diese Zeichnung, um mir Mut zu machen und um in meiner neuen Aufgabe meine Haut retten zu können. Paradoxe Situationen paradox zu lassen, war mein Motto. Man kann darauf auch künstlerisch reagieren“, blickt der Künstler und Vorsitzende heute zurück. Durch seine Aufgabe hat Hartmann gelernt, sich klarer auszudrücken, nicht nur als Redner. Er beschreibt, dass diese Konzentration sich auch im malerischen Prozess wieder spiegelt. Seine ehrenamtliche Tätigkeit empfindet er nicht als Ablenkung seines künstlerischen Schaffens, sondern als Bereicherung. Gänse stehen symbolisch für Stimmfreudigkeit. Und Hartmann ist sich treu geblieben: Er verhilft der Atmosphäre des Hauses zu mehrschichtigen Klängen.

Der Malkasten war zeitweise ein wichtiger Gegenpol zur Akademie. Studenten und Künstler, die gerade mit ihrem Studium fertig waren, konnten durch den Künstlerverein gemeinsam gegen akademische Vorgehensweisen protestieren. Aber der Gedanke an einen Ort, wo Künstler sich treffen, diskutieren, streiten, klingt im 21. Jahrhundert, einer Zeit der Globalisierung und des virtuellen Austausches, in der ein Event das andere jagt, banal. Braucht ein Künstler heute ein ortsgebundenes Gespräch mit seinen Kollegen? Das wirkt irgendwie in die Jahre gekommen. Hartmann beschreibt den idealen Malkasten jedoch als ein „Wolfserwartungsland“. Ein Gebiet, in dem so wenig passiert, dass sich Altbewährtes wiederfindet. Dieses Land ist so ruhig, dass die Wölfe wieder zurückkommen. Was heißt das? Man könnte meinen, im Malkasten sei nichts los. Hört man jedoch genauer hin, wird man vom Gegenteil überzeugt. Denn der Existenzboden des Künstlervereins ist der Dialog, ein Ort der Vermittlung zwischen Künstlern und Bürgern. Leistet dies nicht auch eine gute Galerie oder ein Museum? Oder sind diese Vermittler viel zu sehr mit Vermarktung beschäftigt?

Im Dialog sieht Sokrates die Quelle allen selbstbestimmten Denkens. Versteht man diesen Dialog als einen örtlich und zeitlich geschützten Raum der eigenen inneren Haltung zum Alltag, dann wird jeder Beteiligte als Verantwortlicher einer gemeinsamen Wirklichkeit angesehen, die jetzt und hier gestaltet wird. William Issac nennt dies einen „Vertrauensraum“, „in dem die Intensität des direkten, vertrauensvollen, zwischenmenschlichen Gespräches gefahrlos eingeübt und ausgeführt werden kann“. Von diesem Geist sind die Ausstellungen und Veranstaltungen geprägt, sowohl im Hentrichbau als auch im Jacobihaus.

Und so gäbe es in Düsseldorf ohne Malkasten bedeutend weniger Gespräche zwischen den Künstlern und Künstlerinnen, kaum Dialoge zwischen den Malern und Schriftstellern, den Bildhauern und den Schauspielern und seltener offene Meinungsverschiedenheiten zwischen den Künstlern und Bürgern. Und für die Wölfe keinen Ort zum Heimkehren.

 

Frida Lau