Düsseldorfer Lichtbildner

Axel Hütte: "Mandalay-1", Las Vegas, USA, 2003

Axel Hütte: "Mandalay-1", Las Vegas, USA, 2003

Wenn man an Düsseldorfer Fotografie denkt, kommen einem eigentlich immer dieselben prominenten Namen in den Sinn: Andreas Gursky, Thomas Ruff und Thomas Struth, außerdem Candida Höfer, Thomas Demand und Jörg Sasse. Sie alle haben an der Kunstakademie Düsseldorf studiert und ihnen haftet unwiderruflich das Etikett „Becher-Klasse“ an. Dabei wird oft vergessen, dass sie alle individuelle, oft gegensätzliche Zugänge zur Fotografie gefunden haben, und dass auch jenseits der großen Namen wichtige Impulse für die Fotokunst seit den siebziger Jahren aus der Düsseldorfer Akademie gegeben wurden.

Erstmals beleuchtet jetzt die Ausstellung Die Erfindung der Wirklichkeit – Photographie an der Kunstakademie Düsseldorf von 1970 bis heute in der Akademie Galerie die gesamte Entwicklung der künstlerischen Fotografie an der Kunsthochschule. Die Werke von über 50 Künstlern – (ehemalige) Professoren und Absolventen der Akademie – sind in den 2005 eröffneten Räumen der Akademie Galerie am Burgplatz vereint. Chronologisch aufgebaut, setzt die Schau in den frühen siebziger Jahren ein, als die Fotografie stark von der Konzeptkunst inspiriert wurde und Künstler wie Klaus Rinke und Jan Dibbets die Wahrnehmung von Zeit und ihr Verhältnis zum Raum mittels Fotografie untersuchten.

Ute Klophaus: Joseph Beuys Aktion „Iphigenie“, 1969, VG Bild Kunst, Bonn 2011

Ute Klophaus: Joseph Beuys Aktion „Iphigenie“, 1969, VG Bild Kunst, Bonn 2011

Entscheidende Entwicklungen für das neu entdeckte Medium vollzogen sich ebenfalls in der Klasse von Joseph Beuys, dessen Studenten äußerst verschiedene, vielfältige Wege der Fotografie erprobten. Dieses Umfeld lässt sich stilistisch auf keine Richtung festlegen, zeigt jedoch deutlich, dass die Arbeiten von zum Beispiel Imi Knoebel, Lothar Baumgarten, Katharina Sieverding oder Anna Giese jenseits des Konzeptionellen, wie es bei Rinke zu finden ist, liegen. Auch mit dem dokumentarischen Ansatz, der die Becher-Klasse berühmt machen sollte, hat ihre Arbeit nichts zu tun, denn das Verhältnis zwischen Fotograf und Motiv ist völlig anders geprägt, die Themenwahl unterscheidet sich und Existenzielles, Visionäres und Anthropologisches stehen im Vordergrund wenn Katharina Sieverding die Themen „Körper“ und „Weiblichkeit“ untersucht und eine Art Selbstdefinition vollzieht, oder Lothar Baumgarten sich den außereuropäischen Zivilisationen widmet, um auf deren notwendigen Schutz hinzuweisen.

Joseph Beuys selbst ist ebenfalls in der Ausstellung vertreten. Nicht als Fotograf, sondern als Motiv taucht er in Fotografien von Ute Klophaus – sie hat übrigens an der Kunstakademie Düsseldorf weder studiert noch gelehrt – auf, die seine Aktion Iphigenie (1969) fotografisch festgehalten hat. So wird die wichtige Rolle der Fotografie zur Dokumentation der Beuysschen Aktionskunst angeschnitten und gleichzeitig auf die vielfältige künstlerische Verwendung des Mediums hingewiesen.

Ein ganz entscheidendes Ereignis für die Weiterentwicklung der Fotografie an der Kunstakademie Düsseldorf stellt die Berufung Bernd Bechers zum Professor für eine Fotografieklasse im Jahr 1976 dar. Gemeinsam mit seiner Frau Hilla arbeitete er an den heute international bekannten, dokumentarischen Serien von Schwarz-Weiß-Fotografien, die Fachwerkhäuser und Industriebauten abbilden, und ebenfalls gemeinsam lehrten sie an der Akademie in einer Klasse, deren Schüler heute zu den bekanntesten Fotografen der Kunstwelt zählen. Es ist ihr Verdienst, dass einem bei dem Gedanken an die Düsseldorfer Kunstakademie nicht nur die Düsseldorfer Malerschule, ZERO, oder die Soziale Plastik, sondern vor allem auch die Düsseldorfer Fotoschule in den Sinn kommen.

Jan Dibbets: "Konrad Fischer Galerie am kürzesten Tag des Jahres", 1970, VG Bild Kunst, Bonn 2011

Jan Dibbets: "Konrad Fischer Galerie am kürzesten Tag des Jahres", 1970, VG Bild Kunst, Bonn 2011

Die Ausstellung in der Akademie Galerie zeigt aber nicht nur die großen, eingangs genannten Namen aus der Becher-Klasse, sondern sie präsentiert Arbeiten von Gursky, Ruff und Struth gleichberechtigt neben ihren damaligen Kommilitonen wie Axel Hütte, Simone Nieweg und Petra Wunderlich; dokumentiert so das Umfeld, in dem sie entstanden sind und stellt die individuellen Entwicklungen heraus.

Auch wenn die Ausstellung nicht alle Düsseldorfer Fotokünstler – nicht einmal alle, die der Becher-Klasse entsprungen sind – versammelt, bietet sie doch eine umfangreiche Bestandsaufnahme und wirkt somit der verkürzten Wahrnehmung von Düsseldorfer Fotografie als „Becher-Schule“ entgegen. Sie zeigt, dass die Fotografie auch schon vor der Berufung Bernd Bechers eine wichtige, sich vielversprechend entwickelnde Rolle gespielt hat und führt gleichzeitig die Vielfalt und Bandbreite des Mediums vor.

Die Antwort auf die Frage, wie sich die Fotografie an der Kunstakademie Düsseldorf in Zukunft entwickeln wird, bleibt abzuwarten: Die Professur hat heute – nach Jeff Wall und Thomas Ruff – Christopher Williams inne und die Tatsache, dass auch in vielen anderen Klassen, etwa in denen von Andreas Gursky, Thomas Grünfeld, Georg Herold, Rita McBride, Marcel Odenbach und Rosemarie Trockel fotografisch gearbeitet wird, lässt auf neue Impulse und spannende Ergebnisse hoffen.

 

Linda Walther